Bildbeschreibung von Dr. Angelika Baeumerth:

Jacob Hoff
Schwälmer Tanz unter der Linde
Öl/Lwd.; 97,0 x 160,0 cm
Signiert und datiert: Jacob Hoff 1864
Privatbesitz
 
 



Der Gedanke zu dieser Ausstellung entzündete sich an einem Gemälde, das im Dezember 1999 seinen Besitzer wechselte und damit in das Rampenlicht der interessierten Öffentlichkeit trat. Kaum jemand hatte gewußt, daß dieses Bild - „Schwälmer Tanz unter der Linde“ von Jacob Hoff - noch existierte. Ältere Künstlerlexika erwähnten zwar unter dem Namen des Malers ein Gemälde, mit dem das jetzt aufgetauchte gemeint gewesen sein könnte. Aber es war doch, wie manches andere, schon vor langer Zeit von der Bildfläche verschwunden, schien verschollen zu sein.

Hatte das Bild zunächst wegen des bei der Auktion erzielten hohen Preises Erstaunen erregt, so festigte sich das Interesse an ihm über die Tagesaktualität hinaus: Die künstlerische Qualität des Gemäldes bestätigte gerade die Freunde der heimatlichen Kunst in der Schwalm in ihrer Überzeugung, daß hier ein bedeutendes Gemälde mit einem Schwälmer Sujet für die Kunstwelt gewonnen sei.

Werke von Jacob Hoff sind in öffentlichen Sammlungen kaum zu finden. Ein aktuelles Malerverzeichnis nennt drei Gemälde von seiner Hand in Hessen: Ein um 1860 entstandenes „Interieur einer Schwälmer Küche“ im Museum der Schwalm in Schwalmstadt-Ziegenhain und zwei Gemälde -  „Kinder im Garten“ undl „Spinnerin am Fenster“ - im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main. Außerdem besitzt das Städelsche Kunstinstitut noch einige Bleistiftzeichnungen mit Porträts und Bauerntypen.

Gemalt, signiert und datiert: hat Jacob Hoff  den „Schwälmer Tanz unter der Linde“ im Jahr 1864. Die Grundlagen dazu, nämlich zeichnerische Studien vor allem von Menschen in der Schwalm, hat er wohl bei seinem ersten belegten Besuch in Willingshausen im Jahr 1861 geschaffen. In der dazwischen liegenden Zeit wird in ihm die Komposition gereift sein, wobei vielleicht der Blick auf Werke von Malerkollegen mit ähnlich gearteten Interessen und auch ihr Erfolg auf dem aktuellen Kunstmarkt zu seinem Entschluß, das Bild zu malen, ausschlaggebend gewesen sein mögen.

Jacob Hoff hat das Gemälde sorgfältig vorbereitet. Es sollte einen markanten Punkt in seiner noch jungen Künstlerkarriere setzen. Dies zeigt nicht nur dessen beachtliche Größe, sondern auch das außergewöhnliche Breitformat des Bildes, das wohl nicht zufällig wie dazu geschaffen schien, über einem Sofa im Salon eines großbürgerlichen Hauses zu hängen.

„Schwälmer Tanz unter der Linde“ hält ein freudvolles Ereignis im Leben der Landleute in der Schwalm fest. An einem sonnigen Hochsommertag wird in einem Schwälmer Dorf ein Fest, vielleicht das Kirchweihfest, gefeiert. Eine heitere Feiertagsstimmung liegt über dem Land, das in sattem Grün erstrahlend selbst sein Festtagsgewand angelegt zu haben scheint.

Zahlreiche Dorfbewohner haben sich auf einem Platz am Rande des Dorfes vor einem Fachwerkhaus unter zwei alten Linden zum Tanz versammelt. Wir kennen den Namen des Dorfes nicht, aber es scheint sich nicht um eine fiktive, sondern allenfalls um eine künstlerisch überhöhte Örtlichkeit zu handeln.

Vor allem die jungen Mädchen und Burschen haben ihre besten Trachten aus den Truhen hervorgeholt, um sie stolz zu präsentieren. Aus dem am Hintergrund aufscheinenden Dorf mit seiner am Rand stehenden Kirche strömen weitere Festgäste herbei. Die ersten gehen gerade über einen provisorisch wirkenden Steg und werden sich in Kürze mit den in Gruppen zusammen stehenden Festgästen vereinigen, die das Hauptgeschehen als Randgruppen ebenso umgeben wie die in einem Halbkreis am Boden sitzenden Mädchen und Frauen im Mittelgrund rechts. Als Gegenpol zu dieser summarisch wiedergegebenen Schar wird im Vordergrund links eine szenisch ausgearbeitete Gruppe von Personen vorgestellt, die wohl eher Zuschauer als Tänzer zu sein gedenken. Man sieht eine auf einem Baumstamm sitzende Frau, deren dunkle Tracht auf höheres Alter oder Trauer schließen läßt, daneben ein kleines Mädchen, das einen Säugling hütet, dahinter zwei stehende Männer, deren einer durch seine Kleidung und Utensilien wie durch den begleitenden Hund als Schäfer ausgewiesen ist. Hinter ihnen hat sich eine Personengruppe mit kleinen Kindern, darunter eine wohl als junge Witwe anzusehende Frau, auf Stühlen niedergelassen. Während eine junge Frau, auf ihre Stuhllehne gestützt, mit der Witwe ins Gespräch vertieft ist, steht ihr Bruder oder Bräutigam als schmucker Soldat hinter der Gruppe und schaut pfeiferauchend auf das Geschehen. Daß es sich bei dem Tanz um ein nicht alltägliches Geschehen handelt, bezeugen auch die Kinder, die neugierig auf eine Gartenmauer geklettert sind, um alles genau verfolgen zu können. Und sogar der Herr des Hauses, in dem wir wohl einen Gastwirt vermuten dürfen, hat seinen Platz am Ausschank verlassen und lehnt am Fenster, um zuzuschauen und sich dabei selbst ein Glas Bier zu gönnen. Im überdachten Aufgang zum Haus steht eine Blaskapelle, deren Instrumente allerdings mehr zu ahnen als zu sehen sind.

Diese personenreich, aber unterschiedlich detailliert ausgestaltete Szenerie umgibt das Hauptgeschehen in einem imaginären, nach rechts offenen Kreis. Aus ihm ist gerade ein Paar herausgetreten, weil der jungen Tänzerin ein Fuß schmerzte, was der Tänzer, während er seiner Partnerin ritterlich den Arm reicht, mit einem wehmütigen Blick zurück quittiert. Die Erwiderung dieses über die Schulter gerichteten Blickes durch einen weiter tanzenden Burschen, der ihm mit seiner Kappe zuwinkt, verschränkt die beiden Personengruppen und interpretiert die Handlungsabläufe. Darüber hinaus erweist sich der Künstler bei diesen beiden Personen als hervorragender Beobachter des Lebensalltags. Und er hat es verstanden, das überaus originelle Motiv mit Feingefühl in die Komposition einzubringen.

Das Hauptgeschehen bedarf dieser beiden jungen Leute und ihres Rückbezugs zu den Tanzenden. Denn der Tanz vollzieht sich nicht im Vordergrund, sondern in der Bildmitte, wäre also der Aufmerksamkeit des Betrachters ein wenig entrückt, hätte es sich der Maler nicht angelegen sein lassen, die Aufmerksamkeit mit den Mitteln der Kompositon und der Lichtregie auf das Tanzgeschehen zu lenken. Man beachte nur, wie er das gleißende Sonnenlicht gerade auf die Tanzenden gelegt hat, um ihnen eine strahlende Wirkung zu verleihen. Die Wirkung des Lichts wird unterstrichen durch die nicht zufällig vor allem helle Farbigkeit der Kleidung, in der sich die Tanzenden bewegen. Und da sind die Bewegungen der Tanzenden selbst, die wie sonst an keiner Stelle des Gemäldes von ausgesuchter Vielfalt gekennzeichnet sind.

„Schwälmer Tanz unter der Linde“ zeigt den Frankfurter Maler Johann Jakob Hoff als einen talentierten Schüler seines Lehrers Jakob Becker und zugleich als Verehrer eines anderen großen  „Willingshäuser“ Malers, Ludwig Knaus. Ohne dessen 1850 entstandenes, danach zweimal variiertes Gemälde „Dorftanz unter der Linde“ ist sein „Schwälmer Tanz unter der Linde“ kaum denkbar. Gleichwohl hat Hoff mit diesem Bild ein eigenständiges Werk geschaffen, dessen Komposition und Bildfindung ganz allein seinem künstlerischen Geist zu verdanken ist.