Angelika Baeumerth
VOM MAIN AN DIE SCHWALM
Zur Ausstellung

Jakob Fürchtegott Dielmann, Jakob Becker, Johann Heinrich Hasselhorst und Johann Jakob Hoff und noch mancher andere Maler des 19. Jahrhunderts stammte aus Frankfurt und blieb zeitlebens Frankfurter. Dies bedeutete aber nicht, daß sie über ihre Heimatstadt nicht hinaus gekommen wären. Der Mensch im Allgemeinen und der Künstler im Speziellen wurde zunehmend mobiler. Schon zum Studium schickte sich für den angehenden Künstler die Wahl einer Akademie von gutem Ruf. Das war zur Zeit der eingangs genannten Künstler vor allem die Akademie in Düsseldorf, und dort begegnet man ihnen denn auch. Aber selbst wenn man sich dann wieder in der Heimatstadt niederließ, ergriff man doch gern die Gelegenheit zum Reisen. In der näheren Umgebung erfreute sich der Taunus mit seinen pittoresken Burgen bei einer immer größeren Zahl von Künstlern so großer Beliebtheit, daß sich dort sogar eine Künstlerkolonie etablierte. Aber auch der Odenwald war ein beliebtes Reiseziel für Studienaufenthalte. Die nahe gelegene Wetterau scheint man sich sogar meist zu Fuß erobert zu haben. Eine weitere Distanz war zu überwinden, wenn die Reise vom Main an die Schwalm führen sollte. In jenen Landstrich also, der zwischen Marburg und Kassel gelegen war, und dem das kleine Flüßchen Schwalm den Landschaftsnamen verliehen hatte. Umständlich war eine solche Reise in die Schwalm bis zur Eröffnung der Eisenbahn in der Mitte 19. Jahrhunderts. Aber der Anreiz war größer als die zu erwartenden Strapazen.
 

Die Entdeckung einer neuen Motivwelt
Was die Maler in Willingshausen suchten und fanden, war die Inspiration. Das hatte schon für Gerhardt von Reutern gegolten, der den Ort mehr zufällig für die Kunst entdeckte, denn er war 1814 eigentlich zum Zwecke der Rekonvaleszenz nach Willingshausen gekommen.  Da ihm in den Befreiungskriegen der rechte Arm abgeschossen worden war, beschloß er, sich im Zeichnen mit der linken Hand zu üben - und ging zu diesem Zweck in den Willingshäuser Wald. Auf Reuterns Einladung hin gesellte sich zeitweise der Kasseler Maler und Radierer Ludwig Emil Grimm dazu.   Man saß unter freiem Himmel und fand, was man suchte: Schönheit der Natur und unverbrauchte Motive, die es nur zu entdecken galt. Dies geschah vor dem Hintergrund der damaligen Ausbildung an den Kunstakademien, die noch immer das Studium an Gipsmodellen und das Kopieren nach alten Meistern praktizierten und damit das imitiative, nicht aber das kreative Talent der jungen Leute förderten. Nur an der Akademie in München lehrten einige Professoren, die erkannt hatten, daß die Natur die beste Lehrmeisterin sei. Sie zogen mit ihren Schülern in die bayerischen Berge - und fanden dort nicht nur Natur in der Landschaft, sondern auch natürliche Menschen vor. Auf diesem Wege wurden die Bauern sozusagen "mitentdeckt", die Geburtsstunde des Bauern als Gegenstand der bildenden Kunst hatte geschlagen. Es fügte sich, daß Ludwig Emil Grimm zu den Malschülern in den bayerischen Bergen gehört hatte. Zusammen mit Gerhardt von Reutern schuf er dem neuen Münchener Gedankengut in der Schwalm eine zweite Heimat.

Die ersten Maler, die nach Gerhardt von Reutern und Ludwig Emil Grimm Willingshausen besuchten, folgten einer Anregung ihres Kollegen, Gerhardt von Reutern, der seit 1835 an der Kunstakademie in Düsseldorf seine Kenntnisse der Malerei vervollständigte: Jakob Fürchtegott Dielmann  und Jakob Becker . Beider Anwesenheit in Willingshausen läßt sich mehr oder weniger nur aus ihrem Werk erschließen, in dem Schwälmer Motive verarbeitet wurden; schriftliche Zeugnisse ihrer Aufenthalte in der Schwalm sind bislang nicht bekannt geworden. Während für Dielmann die Schwälmer Trachtenträger willkommene Staffagefiguren waren für Gemälde, die landschaftlich auch außerhalb der Schwalm angesiedelt sein konnten, schuf Becker einige wenige Werke, in denen vage als Schwälmer charakterisierte Trachtenträger vorkamen; wichtiger wurde Becker aber als Vermittler der Kenntnis Willingshausens an jüngere Künstler.
Ein Gemälde Dielmanns gab mit den Anstoß dafür, daß ein junger Künstler, der einer der bedeutendsten Genremaler werden sollte, nach Willingshausen kam: Ludwig Knaus. Das Dielmann-Bild stellte die Dorfschmiede von Willingshausen dar; Knaus erwarb es und behielt es zeitlebens in Besitz. Doch es gab noch einen weiteren, äußeren Anlaß für Knaus' Reise in die hessische Provinz. Knaus selbst schrieb später, die unruhige Zeit der Revolution von 1848 habe bewirkt, daß bei den jüngeren Künstlern in Düsseldorf "eine allgemeine Halt- und Ratlosigkeit" einriß; "gemalt wurde nicht mehr, alles Kunstinteresse war verschwunden".  Für junge Leute, die es ernst meinten mit der Kunst, war dies ein unhaltbarer Zustand. Zusammen mit seinem Freund Adolf Schreyer entschloß sich Knaus "aus Düsseldorf zu flüchten". Das Ziel der "Flucht" war Willingshausen, wo man eine unberührte Motivlandschaft vorfand; die auch hier spürbaren Erschütterungen durch die politischen Verhältnisse registrierte man nur beiläufig.

Der große Erfolg des ersten Schwalm-Bildes von Ludwig Knaus, "Dorftanz unter der Linde"(1850) lenkte die Aufmerksamkeit auf diesen Künstler, der seinerseits die Kollegen auf die Schwalm verwiesen haben dürfte. Wir wissen jedoch nur aus verstreuten Notizen, daß Knaus zu späteren Schwalm-Aufenthalten auch Malerkollegen mitnahm. Letztlich unbekannt bleibt, welche Künstler konkret durch Knaus zum Besuch Willingshausens angeregt wurden.

Unterdessen war Jakob Becker in Frankfurt Professor geworden und rührte dort bei seinen Schülern eifrig die Werbetrommel für Willingshausen. So schickte Becker den aus Darmstadt gebürtigen, später als Maler des Chiemsees bekannt gewordenen Schüler Carl Raupp nach Willingshausen. Raupp erinnerte sich später: "Meine Anregung dorthin zu gehen und Studien zu machen, kam hauptsächlich durch meinen früheren Lehrer, Prof. Jacob Becker am Städelischen Kunstinstitut in Frankfurt a./M. Außerdem als geborener Hesse lag es für mich nah!"

Auch der Frankfurter Maler und Städelschüler Johann Heinrich Hasselhorst wurde vermutlich von seinem Lehrer Jakob Becker angeregt, die Schwalm zu besuchen. Seinen ersten Aufenthalt in Willingshausen hatte er schon 1850, nur ein Jahr nach dem "Debüt" von Ludwig Knaus.

Zu den, bisher im einzelnen noch nicht erforschten Schwalm-Besuchern unter den Schülern Jakob Beckers gehörte auch Johann Jacob Hoff (1838-1892), der 1861 erstmals in der Schwalm weilte, um Studien für sein Gemälde "Kirchweihtag im Schwalmgrund" zu fertigen. Sein erster Aufenthalt in Willingshausen ist für das Jahr 1865 bezeugt.

Die große Zahl der aus Düsseldorf heranströmenden jungen Maler läßt mit Sicherheit vermuten, daß auch an der dortigen Akademie den Schülern Aufenthalte in der Schwlam empfohlen oder nahegelegt wurden. Leider fehlt es bislang an konkreten Aussagen.

Dafür wissen wir aus berufenem Künstlermunde, daß, wie nahelag, auch die Lehrer an der Kasseler Akademie auf die Existenz des sich allmählich zu einer kleinen Künstlerkolonie auswachsenden Willingshausen aufmerksam machten. Adolf Lins berichtete: "Im Jahre 1874 bin ich auf Rath meiner Cassler Lehrer zum ersten Male nach Willingshausen gekommen".  Später empfahl Lins seinerseits den Künstlerort an jüngere Kollegen, so an Otto Strützel, der "nach Willingshausen angeregt durch Adolf Lins und Prof. Hugo Mühlig etc. von Düsseldorf viele Jahre 1880-85 ging".

Am Ende des hier zur Betrachtung anstehenden Zeitraumes, um 1880, bedurfte es der Empfehlung durch die akademischen Lehrer nicht mehr, man ging von sich aus mit befreundeten Malschülern und Kollegen in die längst rühmlich bekannte Schwalm. So der Kasseler Maler Theodor Matthei: "Es war 1880 oder 81 als ich als Schüler hiesiger Akademie mit meinen Kollegen Heinrich Otto, jetzt Düsseldorf, Heinrich Hoffmann und Bohländer meine Ferien in Willingshausen verbrachte".

Künstlerreisen in die Schwalm
Willingshausen war bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts vergleichsweise bequem zu erreichen, was seine Entwicklung zur Künstlerkolonie zweifellos begünstigte. So konnte man beispielsweise von Frankfurt aus über Treysa oder über Neustadt hierher gelangen, bis dahin jeweils mit der Eisenbahn.

Bei seinem ersten Schwalm-Besuch 1849 wählte Ludwig Knaus noch den Weg über Alsfeld. Er schrieb: „In Frankfurt hielt ich mich einen Tag auf, und fuhr nachher per Post mit Schreyer nach Alsfeld, direkt ins Land der dicken Waden; von Alsfeld hatten wir noch ein paar Stunden bis Willingshausen.“ Wie diese „paar Stunden bis Willingshausen" zurückgelegt wurden, verriet Knaus leider nicht

Die Route scheint sich nicht allzu sehr bewährt zu haben. Jedenfalls wählte Knaus beim zweiten Aufenthalt, 1858, den künftig von den meisten Künstlern bevorzugten Reiseweg über Neustadt. Von Frankfurt kommend unterbrach er die Bahnreise in Marburg, wo er es sich angelegen sein ließ, "das wunderschöne Städtchen und Umgebung ein wenig (zu) besehen". Von da aus ging es wiederum per Eisenbahn nach Neustadt an der Schwalm: "Heute Morgen um 5 Uhr bin ich nach Neustadt gefahren, und von da aus zu Fuß nach Willingshausen gegangen".

Da sich der, sonst sehr gesprächige, Knaus hinsichtlich der Schilderung der Reise-Umstände eher zurückhaltend zeigt, freuen wir uns über einige diesbezüglich drastische Worte seine Malerkollegen Heinrich Hasselhorst. Dieser, der die Reise ebenfalls von Frankfurt aus antrat, beklagte das "langweilige Eisenbahnskastengerungel bis Neustadt", und er vergaß auch nicht anzumerken, daß hier beileibe die Reise noch nicht zu Ende war. Hatte man Neustadt erreicht, stand der beschwerlichste Teil der Anreise noch bevor: der anderthalbstündige Marsch zu Fuß durch den Wasenberger Wald nach Willingshausen. Da man sich tunlichst in der Stadt mit Malutensilien versorgte, wurde der Gang beschwerlich, besonders "bei rauhem regenschauerlichem Wetter", wie es Heinrich Hasselhorst zustieß.

Carl Raupp reiste 1865 über Treysa an. Auch sein Bericht versetzt anschaulich in die damalige Zeit. "Es war um neun Uhr abends und schon völlig dunkel, als wir in Treysa die Bahn verlißen. Außer uns war niemand ausgestiegen, August Heyn und ich mußten den langen mit Pappeln besetzten Weg zum Städtchen und zum Gasthaus des Vater Stephan schon allein finden. Es gelang, wenn auch mit einiger Mühe, denn die engen finsteren Gassen des alten Nestes hatten weder Laternen zum sehen noch Einwohner zum fragen übrig".

Erste Eindrücke in Willingshausen
Bedauerlicherweise hat kaum ein Künstler über seine ersten Eindrücke von Willingshausen geschrieben. Eine Ausnahme war Adolf Lins, der aber auch allen Grund hatte, die erste Ankunft in Willingshausen im Gedächtnis zu bewahren, denn sie gestaltete sich überaus eindrucksvoll. "Der Eindruck beim Betreten des Dorfes war ein grosser. Ein Hochzeitskammerwagen, das ganze Dorf auf den Beinen..."  Wenn das kein vielversprechender Empfang für einen Maler war!

Weniger Spektakuläres erwartete Ludwig Knaus während seines zweiten Besuches in Willingshausen, 1858. Dafür hatte er um so mehr Muße und Gelegenheit, den landschaftlichen Schönheiten Willingshausens seine Aufmerksamkeit zu widmen. Voll der frischen Eindrücke schrieb er an Barthold Suermont: "Mein Dörfchen ist wirklich einzig in seiner Art, so reizend zwischen Wiesen und Wald gelegen, und von einem schönen herrschaftlichen Park mit den prachtvollsten Linden geschmückt, daß man es wirklich lieb gewinnen muß".  Eine so zarte, an eine Liebeserklärung erinnernde Beschreibung hätte man Knaus, dem nur mäßig an Landschaftsdarstellungen interessierten Künstler, kaum zugetraut.

Auch Carl Raupp zog mit offenen Augen, nicht nur für die Trachtenträger, sondern auch für ihren Lebensraum nach Willingshausen ein. "Vielleicht im landschaftlich schönsten Theile des Schwalmgrundes gelegen ist Willingshausen sicherlich auch das malerischste, der künstlerischen Ausbeute unstreitig günstigste Dorf seines Thales. Von kleinen Gärtchen umgeben, in denen vorzugsweise der hohe Blütenstengel der Malve die Hauptzierde bildet, liegen die Häuser nahe beieinander, ärmlich und recht verwahrlost oft, aber umso malerischer dafür".  Die Gegenstände seiner Beobachtungen deckten sich mit seinem Werk, in dem bäuerliche Innenräume eine Rolle spielen. "Malerisch schön haben wir viele Interieurs gefunden. Die prächtigen Bauernstuben, die verräucherten Küchen mit mächtigem Rauchfang, der häufig gepflasterte Flur mit der gewundenen alten Treppe, dies alles ist meist von so tonig farbiger Wirkung, malerischem Reiz und einer Verwendbarkeit, wie es die Interieurs des bayrischen Gebirges nur in seltenen Fällen zeigen".  Es fügte sich, daß Raupp im "bayrischen Gebirge" seine eigentliche Motivlandschaft fand, während Willingshausen nur eine Episode blieb.

Dem Frankfurter Maler Heinrich Hasselhorst war es vorbehalten, seine ersten Eindrücke so zu formulieren, wie man es von einem Genremaler des 19. Jahrhunderts erwarten möchte. Er sah vor allem die Menschen und in ihnen wiederum die künftigen Modelle. Die gute Laune, die diese Perspektive in dem jungen Künstler auslöste, spricht aus jedem Satz des an seine Angehörigen in Frankfurt gerichteten Briefes vom 1.10.1858. "Ich bin in Willingshausen und sitze im Paradies, das heißt in der Urländlichkeit, wo viele schöne Adämmer und Evvercher, Schlangen, viel Gefiehs, Apfelbäume usw. sind. Kurz alles was zum Paradies gehört, auch der liebe Hergott ist überall sichtbar".

Künstlerglück im Landgasthaus
Die Begeisterung der jungen Maler ließ sie über mancherlei weniger "paradiesische" Zustände in den irdischen Gefilden des Schwalmdorfes hinwegsehen. So unterschied sich Willingshausen zwar angenehm von vielen Nachbardörfern durch die Existenz eines Gasthauses; aber dieses ließ an Bequemlichkeit einiges zu wünschen übrig. Dennoch tauchen die Namen der Wirtsleute, zunächst Stamm, dann Haase, immer wieder in den Briefen der Künstler auf, denn Wirt und Wirtin zeigten sich rührend bemüht um das leibliche Wohl der fremden Gäste. Die ersten Maler, Ludwig Knaus und Adolf Schreyer, trafen ein, als der Wirt Stamm gerade gestorben war. Knaus: "Es herrschte große Trauer im Hause; trotzdem wurden wir von der gutmüthigen Wirthin aufgenommen, und, wenn auch sehr primitiv, untergebracht. Unsere Ansprüche, waren aber so gering wie unsere Habseligkeiten, und so richteten wir uns zu längerem Verbleib ein".  Schon im Jahr darauf, 1850, schrieb Heinrich Hasselhorst, er sei ab gestiegen, "wo die Maler immer einkneipen", beim Wirt Johannes Stamm".

Erlebnisse ganz besonderer Art hielt der Wirtstisch für die meist aus städtischer Umgebung stammenden Maler bereit. "An die Landkost, Milch, Eier, Butter etc. habe ich mich schon ziemlich gewöhnt, und es sollte mich wundern, wenn wir nicht am Ende hier ganz zu Schmierkäs werden", schrieb Ludwig Knaus nach Hause.  Erst bei seinem zweiten Besuch in Willingshausen registrierte der junge Maler "eine ganz gute Küche".  Ähnlich äußerte sich Carl Raupp. "Der Wirt, kein Bauer, führte gute städtische Kost und konnte man es, nachdem der Münchener Geschmack sich einmal an das merkwürdige Bier in steinernen verkorkten Krügen gewöhnt hatte, schon längere Zeit bei Herrn Haase wohl aushalten. Aber auch nur hier. In keinem der Dörfer des Schwalmgrundes wäre wohl eine Unterkunft zu finden gewesen, welche den Aufenthalt auch nur eine Nacht gestattet hätte".

Die einigermaßen lobend erwähnte Verköstigung war neben der etwas besseren Einrichtung des Gasthauses eine der Errungenschaften, die unter dem neuen Wirt Haase zu verzeichnen waren. In Knaus' Erinnerungen hatten er und seine Frau ihren festen Platz: "Der gute, verständige Wirth Haase, mit welchem wir uns stets gerne unterhielten; er und seine Frau waren immer bemüht, auf das Beste für uns zu sorgen, was in dem Wirthshause eines kleinen Dorfes damals nicht immer leicht war".  Komfortabel war die Unterkunft, trotz aller Bemühungen der Wirtsleute, noch lange nicht zu nennen, doch scheint sich sogar Knaus schließlich damit abgefunden zu haben: "Ich sitze hier in einem ganz schönen Zimmerchen, wo die Schwalben ein und aus fliegen", schrieb er 1858.

Maler-Geselligkeit
Selbstverständlich war das Gasthaus, vor allem seit der "Ära" Haase, auch Anlaufstelle für alle ankommenden Maler. Adolf Lins, der seit 1874 "beim alten Haase" einkehrte, schilderte das bunte Treiben: "Traf dort mit (einer) Reihe Düsseldorfer Künstler zusammen. Konemann, Sondermann, Werner Leineweber, Barthelmess. Von Frankfurt waren die gleichaltrigen Collegen Robert Forell und Grobe dort, von Berlin Julius Manthe und der unvergeßliche liebenswürdige Prof. Kretzschmer, der von seinen reichen Erlebnissen und Reisen mit den beiden Humboldts so interessant zu erzählen wusste".

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Malerkolonie schon viel von ihrer Aufbruchstimmung verloren, die Malern waren "gesetzteren" Alters als ein Vierteljahrhundert zuvor. Voll jugendfrischen Übermuts war ein Zusammentreffen Heinrich Hasselhorst mit Freunden aus Düsseldorf im Jahr 1850 gewesen. "Da eines Morgens hört ich im Hause Hallo und Gepolter, die Thüre geht auf und 3 Düsseldorfer Maler, die 2 hier vermutheten, und noch ein 3ter stürzten auf mich loß... Nun ging's aber fidel. Die kamen 14 Stunden mich besuchen, denn sie malten schon 6 Wochen in Wallau und hörten's erst dann, daß ich hier sei. Ich ging 2 Tage mit ihnen herum und dann ging's mit klingendem Spiel zum Dorf hinaus, auf die Wallauer Kirmes".

Ein andermal hatte Hasselhorst, ebenfalls im Gasthaus Haase, ein noch kurioseres Erlebnis, als er sein Bett aufsuchen wollte. "Ich schleige mich ganz ruhig hinauf, mache die Thüre auf und sehe Jemand in meinem Bette liegen. Ich will ganz ruhig wieder fortgehen, wie ich aber genau sehe ist ja - Atelier college Stortz! (aus Frankfurt, d.Verf.). Herrgott Millionen !!! wie kommste du dann hierher. Er: Ich bleibe auch da und wir malen zusammen. Jetzt gehts wieder lustig an die Arbeit".

Schon bald dürften Maler und Wirtsleute gemerkt haben, daß es den jungen Leuten ein dauerndes Bedürfnis war, nicht nur zu zeichnen, sondern sich über das Gesehene und Erfaßte auszutauschen, fern der Akademie Gespräche über Kunst und vieles andere zu führen oder einfach gemeinsam lustig zu sein. Wer wann auf den Gedanken kam, im Gasthaus einen Raum für die Geselligkeit der Maler zu reservieren, ist unbekannt. Irgendwann, vermutlich schon in den 1860er Jahren, war es da, das "Malerstübchen". Es war "in seinen Größenverhältnissen recht bescheiden, aber ein gar trauliches und eigenartig ausgestattetes Malernest" , dessen berühmt gewordene Zimmertür von den Malern Stück um Stück mit Darstellungen aus dem eigenen Repertoire bemalt wurde. Die ersten "Türmaler" scheinen - 1865 - Carl Raupp und Paul Weber gewesen zu sein. "Im Malerstübchen" wurde erzählt und gescherzt, gelacht und gesungen, getrunken, geraucht und wieder getrunken. Immer wieder fand sich ein besonderer Anlaß, ein glücklicher Einfall, dem neuen Abend neue Würze zu geben".  Diese Abende blieben zeitlebens im Gedächtnis, wie Adolf Lins 1918 schrieb: "Die Abende im "Malerstübchen" mit ihrer ausgelassenen Fröhlichkeit blieben unvergesslich"  Die befreiende Wirkung dieser Abende tat sich nicht nur unter den Malern kund, sie umfaßte auch ihr Verhältnis zu den Ortsansässigen, die ihnen hier als Menschen, nicht als Studienobjekte gegenüber saßen. Lins erinnerte sich. "Unser Verhältnis zu den Dorfbewohnern war stets ein gutes. Im Malerstübchen saßen mit uns zusammen die Gutspächter, die Zwillingsbrüder Zimmermann, der Rentmeister und vor allem der Oberförster Gottlob Hücker, mit dem uns eine treue Freundschaft verband, in dessen gastlichem Hause wir so manche frohe Stunde verlebt haben".

Kontakte zu den Dorfbewohnern
Während im "Malerstübchen" nur einige wenige, zu den "gebildeten" Dorfbewohnern gehörende Männer mit den Malern "kneipten", bahnten sich im Gasthaus als solchem auch die ersten Kontakte zur bäuerlichen Bevölkerung an. Da war zunächst einmal die Wirtsfamilie, an deren Schicksal die Maler Anteil nahmen. So berichtete L. Knaus seinen Angehörigen vom Los der Wirtsfamilie Stamm: "Fast die ganze Familie der früheren Wirthin (Stamm, D. Verf.) ist theils nach Amerika, theils in andere Dörfer in der Umgegend. Die alte dicke Wirthin aber, welche mich damals wie ein Mütterchen pflegte, wollte sich nicht von der Heimath trennen und hat sich ein Zimmerchen reserviert. Sie hat sich außerordentlich gefreut, mich zu sehen".

Vor allem die Kinder freuten sich, wenn die Maler in das Dorf strömten. Sie liefen ihnen hinterher und riefen: "Maler, mal mich mal ab".  Schon Ludwig Knaus, der 1849 erstmals hierher kam, berichtete: "So wie wir uns auf der Straße sehen lassen, laufen uns die Kinder nach und wollen gemalt sein".  Der Ausruf belegt aufs schönste die Vertrautheit der Schwälmer, besonders der Kinder, mit den meist jungen Malern, aber er bezeugt auch die Distanz zur Gedankenwelt der Künstler.

Aufgeschlossen zeigten ach aber auch die anderen Dorfbewohner, denen Knaus bescheinigte, sie seien "gleich sehr zutraulich und freundlich" zu den Malern gewesen.  Die Gastfreundschaft der Schwälmer führte schon bald dazu, daß der junge Knaus berichten konnte: "Unser Leben gestaltete sich allmählich ganz interessant, zu Hochzeits-, Kindtauf- und Begräbnismahlzeiten wurden wir häufig eingeladen, und wir wurden allgemein als zur Dorfschaft gehörig angesehen".

Die Bereitschaft der Schwälmer, die Maler zeitweilig in ihrer Mitte aufzunehmen, trug zweifellos zu deren häufiger, oft vieljähriger Wiederkehr nach Willingshausen und damit zu dessen Aufschwung als Künstlerkolonie maßgeblich bei. Waren doch gerade die Genremaler darauf angewiesen, nicht nur "schöne", sondern auch willige für ihre Studien vorzufinden. Ganz so einfach, wie die Äußerung Knaus' vermuten läßt, gestaltete sich die Modellsuche aber doch nicht, "denn es war uns anfangs schwer den Schwälmer Dialekt zu verstehen".  So war man denn doch froh, im Willingshäuser Bürgermeister Corell, "damals ein stattlicher Mann in den besten Jahren", einen Mittler zu haben, der "uns sehr behülflich (war), den Bauern näher zu kommen".

Neben dem Bürgermeister zeigten sich die Vertreter der Dorfintelligenz bemüht, die Maler "mit Land und Leuten vertraut zu machen" (Knaus): der alte Lehrer Neusel und der Pfarrer, später Metropolitan Riebeling.  Vor allem an den Lehrer und Kantor Neusel bewahrten viele Maler eine gute Erinnerung, so auch Adolf Lins: "Dann muss ich noch eines liebenswürdigen alten Herrn, des Cantors Neusel gedenken, der uns Malern manchen guten Dienst erwiesen, wenn es galt, die Dorfbewohner zum Modellstehen anzuwerben".  Als Vertreter der "Malersleut" gehörte Lins zu den Festgästen des denkwürdigen 50jährigen Dienstjubiläums von Neusel. Der dem Jubilar am nächsten stehende Maler, der Neusel viel verdankende Ludwig Knaus, konnte zwar persönlich nicht anwesend sein, aber er hatte den großen Tag Neusels nicht vergessen und "dem alten Herrn ein Faß Wein zum Geschenk gemacht".  Als sich dieses zutrug, waren fast 40 Jahre seit dem ersten Willingshausen-Aufenthalt Knaus' vergangen, vier Jahrzehnte, in denen seine Werke, vor allem die "Schwälmer", berühmt und er selbst wohlhabend geworden war. Berechtigte Gefühle der Dankbarkeit kennzeichneten darum den Blick zurück, nicht nur bei Knaus.

Künstlerische Arbeit
In den Briefen der Maler aus Willingshausen ist immer wieder von ihrem Studieneifer die Rede. A. Lins: "Es wurde fleissig gearbeitet. Wir standen oft zu 5 oder 6 um die Modelle, Kinder, Alte und allerhand Gethier herum und studirten. Der alte Schäfer Hans Heinrich Keller war ein Hauptmodell mit seiner Herde".

Das Modellstehen scheint den Schwälmern von Anfang an Spaß bereitet zu haben. Knaus zufolge "machten sie keine Umstände, sich gegen geringe Vergütung abmalen zu lassen", denn "es sind schon mehrere Maler hier gewesen und die Leute sind daran gewöhnt".  Freilich gab es auch Ausnahmen, aber die waren zumindest Knaus ebenso willkommen, wie uns sein 1861 mit ihm nach Willingshausen gekommener amerikanischer Malschüler E.F. Andrews überliefert hat. "Während die alte Frau ihm saß, schalt sie fortwährend, obgleich sie Knaus nach seiner Gewohnheit reichlich bezahlte. Ich geriet beim Zusehen ganz außer mir über die fortgesetzte Verdrossenheit und sagte schließlich zu Knaus: "Wie können Sie ein so übellauniges Model malen?" Seine lachende Antwort war: "Grad was ich brauch! Die Skizze gab ihm zu späterer Zeit die Idee zu dem Bild".

Dankbare Modelle waren stets die Kinder. Sie liefen den Malern nach und wollten gemalt sein, so daß Knaus vermutete, er und sein Freund hätten "voraussichtlich noch für längere Zeit genug zu thun, wenn wir das ganze Dorf verewigen wollen" , was sie aber natürlich nicht wollten. Vielleicht gab es tatsächlich kaum eine Person in Willingshausen, die in ihrem Leben nicht wenigstens einmal einem Maler Modell gestanden hatte. Doch kennen wir nur einen geringen Bruchteil der offenbar einst sehr großen Zahl von Willingshäuser Porträtstudien, die in der Regel mit den Künstlern aus dem Ort verschwanden, vielleicht für eine Komposition verwendet wurden, irgendwann aber als wenig geschätzte künstlerischer Hinterlassenschaft den Weg der Vergänglichkeit gingen.

Doch porträtierten die Maler in Willingshausen nicht nur; wenn es sich ergab, komponierten sie einzelne Szenen, vielleicht auch ganze Bilder, "vor Ort" und unter dem frischen Eindruck erlebter Realität. Für Ludwig  Knaus gehört deshalb der erwähnte Besuch von Hochzeiten etc. zur "Arbeit" des Genremalers. Wie es scheint, hat Knaus (aber nicht nur er) sehr gern auf derartige Arbeitsmöglichkeiten reagiert. 1858 schrieb er: "Heute Mittag ist eine halbe Stunde von hier Probetanz, wobei ich nicht fehlen darf; und hoffentlich finde ich ein paar gute Motive".  Tatsächlich hat er es "sehr gut getroffen und an 2 verschiedenen Orten in der Umgegend dem Tanz zugeschaut und manches hübsche gesehen".

Das Sehen und in sich Aufnehmen war auch für Heinrich Hasselhorst eine der wichtigsten Aufgaben vor dem Motiv. Er schrieb 1850: "Da sitz ich nun der Maler sehe mir alles an: das ländliche, unverdorbene Leben, die Einfachheit der Sitten, den natürlichen Schönheitssinn, die eiserne Arbeitswuth und Ausdauer, die unbewußte Schönheit der Leute selbst, und Gott weiß was alles noch..."

Von solchen Sorgen wurden nur die Landschaftsmaler nicht geplagt. Sie hatten sich zu überlegen, wann sie in die Schwalm zum Studienaufenthalt reisen wollten. Otto Strützel beispielsweise kam "gewöhnlich zur Sommerszeit. Im Frühjahr besuchte ich Willingshausen auch von Düsseldorf und 1891 und 1892 von München. Hauptsächlich der Baumblüthe wegen, vorangehend den Vorfrühling".

Von Otto Strützel stammt auch eine Beschreibung der Motive, die ihn in der Schwalm zu Werken veranlaßten. "Ich habe daselbst auf der Wasenberger Hute die herrlichen alten Bäume gemalt, welche leider alle die nächsten Jahren ihr Leben lassen mußten, dann malte ich sehr viel Staffage daselbst, namentlich Schafe und die alten malerischen Schäfer".

Karl Sondermann versprach dem Verfasser der ersten wissenschaftlichen Arbeit über Willingshausen, Dr. Berlit, nicht nur die Einsichtnahme in seine Werke, sondern: "Meine Willingshäuser Studien stehen Ihnen zur Verfügung, es sind Figürliches, Thiere u. Landschaften ...mein Vater malte in früheren Jahren mehr landschaftliches, in der letzten Zeit meist Interieur mit Figuren".

Meist wurden die "Willingshäuser" Arbeiten der Künstler sang- und klanglos veräußert, an Privatleute im In- und Ausland, vielfach in Amerika. Seltener gelangten Werke in Museen. Otto Strützel hatte das Glück, zwei Willingshäuser Arbeiten an Museen verkaufen zu können; daß es bayerische Museen waren, braucht nicht zu verwundern, denn Strützel war als in München ansässiger Künstler in ganz Bayern anerkannt, und so spielte das Motiv bei der Wahl der Museumsankäufe nur eine untergeordnete Rolle. "Eine von den alten Eichenstudien 1891 wurde noch 1916 aus meiner großen Sammelausstellung im Glaspalast für die Kgl. Neue Pinakothek München gekauft. Außerdem eine Vorfrühlingsidylle vom Orth (Willingshausen, A.B.) selbst, welche der bayerische Staat früher kaufte und jetzt in Würzburg in der Galerie sich befindet".

Zu den Malern, die ihre Karriere in München fortsetzten, gehörte neben Otto Strützel und Carl Raupp auch Theodor Matthei. Er hatte einen ganz spezifischen, für unseren Zusammenhang besonders interessanten Grund zur Ortsveränderung: "Ich ging 1886 nach München, warf mich dann auf die Porträtmalerei, weil damals die von mir betriebene Genremalerei unmodern wurde und kam weniger, meist nur zum Besuch der Kollegen nach W(illingshausen)."

Willingshausen in der Erinnerung
Hatten die Künstler erst einmal für einige Jahre der Schwalm den Rücken gekehrt, rissen allmählich die Kontakte zu den dort arbeitenden Kollegen ab. Die Klage Karl Sondermanns deckt sich mit den Aussagen anderer ehemaliger "Willingshäuser": "Leider habe (ich) von all meinen alten Willingshäuser Freunden u. Bekannten in den letzten 10 Jahren wenig gehört".

Allmählich erwies es sich als wünschenswerth, zumindest die Namen der bislang in Willingshausen gewesenen Künstler festzuhalten. Theodor Matthei schrieb darüber an Dr. Berlit: "Wir haben einmal mit Hilfe des Gastwirths Haase (der alte), des Försters Hücker etc. eine Zusammenstellung der bis dahin in W. tätig gewesenen Maler gemacht, sie befand sich im Album des Künstlerheims, doch weiß ich nicht, ob sie später weitergeführt (worden) ist".

Doch die Erinnerung an Willingshausen verblaßte nicht. Fragte man bei den Künstlern an, erhielt man Antworten wie diese von Ludwig Knaus: "Viele Personen, mit denen ich im Laufe der Jahre verkehrte, sind mir in freundlichster Erinnerung geblieben", "so habe ich von dort nur angenehme Erinnerungen und "Willingshausen" bedeutet für mich eine wichtige Etappe in meiner Künstlerlaufbahn".

Auch Karl Sondermann erwiderte auf eine Anfrage von Dr. Berlit: "Ihr Brief hat mich sehr erfreut u. rief mir die schöne Zeit in Willingshausen so recht wieder in Erinnerung. Ich bin ja leider seit langen Jahren nicht wieder dort gewesen, trotzdem habe ich es nicht vergessen u. auch die Herren nicht, mit denen ich dort seiner Zeit zusammen war".  Einer der "Herren", womit Sondermann zweifellos die Künstlerkollegen gemeint hat, war der mehrfach zitierte Adolf Lins. Er formulierte schlicht und einfach: "Die Willingshäuser Jahre, die ich dort mit gleichgesinnten Freunden verlebt habe, bleiben mir allzeit eine schöne Erinnerung".